Im Sommer 2005 nahm ich an dem Workcamp des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Vdks) teil. Ich war mit zehn deutschen und elf russischen Jugendlichen für zweieinhalb Wochen in der nördlichsten Millionenstadt der Welt und es war einfach wunderschön.
Fünf Betreuer begleiteten uns. Sie zeigten uns die grausamen Ausmaße des 2. Weltkrieges in St. Petersburg (damals Leningrad) und brachten uns die russische Kultur und ihre Geschichte näher.
Bis zum Zusammenbruch der UdSSR war es dem Volksbund aufgrund politischer Spannungen nicht erlaubt, Kriegsgräberstätten in Osteuropa, wo ca. drei Millionen deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg fielen, zu errichten. Als der Vdks dann ab dem Jahr 1991 seine Arbeit in Osteuropa aufnahm, stellten sich ihm viele Probleme, denn die sowjetische Regierung hatte sich nicht darum gekümmert, dass die deutschen Soldaten zivilisiert begraben wurden. Häufig wurden die deutschen Soldaten ohne Särge dort beerdigt, wo ihre Leichen lagen und ihre Gräber wurden nicht erkenntlich gemacht durch ein aufgestelltes Kreuz beispielsweise.
Ein weiteres Problem bei der Aufspürung der Soldatengräber war, dass bei dem Rückzug der Deutschen im Russlandangriff, die deutschen Soldaten den Befehl hatten, die eigenen Soldatengräber zu zerstören, um die enormen Verluste auf deutscher Seite zu vertuschen.
Als ich an dem Workcamp in St. Petersburg teilnahm, sahen wir einmal, als wir außerhalb der Stadt einen ehemaligen Kriegsschauplatz besichtigten, noch die Überreste von Gasmasken, Geschirr und anderen Utensilien der Soldaten auf dem Boden buchstäblich herumliegen. Dies zeigt die Nachlässigkeit der ehemaligen Sowjetregierung in Bezug auf den Umgang mit den Kriegsschauplätzen. Die Aufspürung der Soldatenfriedhöfe, die auch meist recht klein waren aufgrund der Positionierung der deutschen Soldaten und ihrem ständigen Ortswechsel bei Eroberung oder Verlust einiger Kilometer, ist sehr zeit- und kostenaufwendig.
Wegen den oben genannten Gründen sind bis heute noch nicht alle Kriegsgräberstätten in Osteuropa fertig gestellt. An 32 Anlagen wird momentan noch gebaut, auf einer von ihnen, Sologubowka, habe ich mitgearbeitet.
Unsere Arbeit bestand daraus, die Särge in einer systematischen Reihenfolge neben dem Massengrab aufzustellen, sodass sie dann geordnet beerdigt werden konnten. Ein Sarg wiegt zwischen 5 und15 kg.
Da jeder Sarg eine Nummer hatte, mit der meist - falls die Leichen idetifiziert werden konnten - ein Name auf einer Liste stand, konnte den Angehörigen angegeben werden, wo genau ihr Verwandter beerdigt ist.
An einem Tag ging ich mit ins Depot, um zu helfen. Dort legten wir die Knochen, die in blauen Müllsäcken lagen, in die Särge, nagelten diese zu und übertrugen die Nummern. Diese Arbeit war schwer, denn es ist sehr merkwürdig einen Totenkopf in seiner Hand zu halten.
Bei diesem Aufenthalt hat mir sehr gut gefallen, dass an dem Camp auch russische Jugendliche teilnahmen. So konnten wir die heutige russische Bevölkerung ein Stück weit kennen lernen, z.B. an dem "Familientag", an dem ein deutscher Teilnehmer mit der Familie eines russischen Teilnehmers eine Tag verbrachte.
Von Ann-Kathrin Hofmann
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