Es war ein schönes Gefordertsein
Das Camphill Village in Kimberton, Pennsylvania
Inga Hoppe (23) studiert im dritten Semester Sonderpädagogik an der Universität Bielefeld. Nach dem Abitur (2002) ging sie für ein Jahr in die USA und arbeitete dort in einem "Camphill". Hier ein Bericht über ihren ungewöhnlichen Auslandsaufenthalt:
Die Vorbereitungen
Nach dem Abi an die Uni, das kam für Inga nicht in Frage. Nach dreizehn Jahren Schule wollte sie "erstmal einige praktische Erfahrungen machen" - am Besten in einem englischsprachigen Land: "Ich musste mich schließlich verständigen können". Eigentlich wollte Inga ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Ausland machen. Da das nicht klappte, musste sie sich um eine entsprechende Alternative kümmern. Von einer Nachbarin (Lehrerin an einer Waldorf-Schule) bekam sie den Tipp, sich bei Camphill, einer weltweiten Bewegung, die nach der Philosophie Rudolf Steiners lebt und arbeitet, als "short-term coworker" beziehungsweise als Volunteer zu bewerben - sie würden immer motivierte junge Leute mit sozialem Engagement suchen.Da die heutige Sonderpädagogikstudentin schon immer ein großes Interesse an eben dieser Anthropologie hatte, bewarb sie sich gleich bei einer ganzen Reihe von Camphills. "Die erste Antwort kam aus Kimberton" - und dort sollte es dann auch tatsächlich hingehen: Ins "Camphill Village Kimberton Hills" in Kimberton, Pennsylvania.
"Wir mussten uns eigentlich nur um den Flug und das Visum kümmern - die Organisation war wirklich topp". Bis auf die Tatsache, dass "wir nach Frankfurt fahren mussten, um den Antrag persönlich im Amerikanischen Konsulat abzugeben - sonst wäre es zeitlich ganz schön eng geworden".
Da ein "year of service" immer im September beginnt, reiste Inga bereits Ende August 2002 in die USA.
Leben und Arbeiten im Camphill
In den nächsten zwölf Monaten wohnte und arbeitete Inga in "Martin's House", - einem eher einfach eingerichteten hölzernen Wohnhaus - in dem der Philosophie Rudolf Steiners entsprechend alle Zimmer "runde Ecken" hatten. Hier lebten insgesamt zwölf Personen, darunter allein sieben Menschen mit Behinderung.
Insgesamt bestand das Camphill Village aus etwa zehn dieser Mehrpersonenhäuser sowie einer Farm und einer Weberei, einer Holz- und einer Wollwerkstatt sowie einem Obst-, einem Gemüse- und einem Kräutergarten. Hier steht die Selbstversorgung an erster Stelle: Der Bauernhof und die Gärten versorgen die Bewohner mit nahezu allen nötigen Lebensmitteln (Fleisch, Milch, Butter, Käse, Getreide etc.) und die in der Weberei und den Werkstätten hergestellten Artikel (Teppiche, Tischsets und Decken, Brettchen, Buttermesser, Holzlöffel oder Türschilder) werden zugunsten der Gemeinschaft verkauft.
"Ich hatte Glück", meint Inga. "Mit Herta, der Hausmutter, konnte ich deutsch sprechen - sie ist gebürtige Deutsche. Das war oftmals sehr hilfreich, vor allem wenn ich Fragen hatte oder wenn es Schwierigkeiten gab". Zudem seien die Behinderten, die in "Martin's House" wohnten, sehr selbständig gewesen, was das Leben und Arbeiten auch um Einiges erleichtert habe. Und wenn es dann trotzdem mal Probleme oder Missverständnisse gegeben hätte, sei es immer sehr wichtig gewesen, mit den Leuten darüber zu reden.
Die Tagesabläufe - sowohl in der Woche als auch am Wochenende - waren klar strukturiert und durchorganisiert, denn "die Behinderten brauchten einen gewissen Rhythmus", nach dem auch die Volunteers arbeiteten.
"Zu meinen Hauptaufgaben gehörte es, die Zimmer der Hausbewohner sauber zu machen und die Badezimmer zu putzen. Anschließend habe ich mit Herta das Mittagessen vorbereitet", erklärt Inga. "Wir mussten 12-14 Personen bekochen, dass waren ganz schöne Mengen!". "Nachmittags arbeitete ich entweder in der Weberei oder in der Holzwerkstatt und einmal pro Woche war ich bis zum Abendessen in einem anderen Haushalt. Samstags und sonntags habe ich den ganzen Tag in unserem Haus gearbeitet". Diese Regelung sollte Inga recht sein, denn "die Hausarbeit hat mir insgesamt auch am Meisten Spaß gemacht". Nicht zuletzt, weil "das Arbeitsklima in unserem Haus eigentlich immer gut" war, meint Inga.
Beim Planen, Vorbereiten und Gestalten von Veranstaltungen - wie Theaterstücken, Musicals oder Feiertagen - baute man natürlich auch auf die Mithilfe der Volunteers. Das Santa Lucia-Fest gehört zu Ingas Highlights: "Ich spielte Santa Lucia, the Queen of Lights, die das Licht auf die Erde zurückbringt - dabei sind mir die Haare angebrannt!". Und in einem Theaterstück - ein Krimi - hatte sie sogar eine richtige Kussszene.
Abgesehen von einem freien Nachmittag pro Woche und einem freien Wochenende im Monat also ein absoluter Full-Time-Job, der nur mit einem kleinen Taschengeld vergütet wurde. "Wir mussten viel arbeiten", gibt Inga zu. "Man erwartete von uns, dass wir die Behinderten beaufsichtigen und ihnen wenn nötig helfen. Das war super anstrengend, denn du musstest immer voll bei der Sache sein".
Freizeit und Fazit
Die wenige Freizeit nutzten Inga und die übrigen Volunteers vor allem zum Einkaufen: "Wenn wir nachmittags frei hatten - und ein Auto ergattern konnten -, sind wir fast immer shoppen gefahren oder ins Kino gegangen. Hauptsache man kam mal raus".Und an den arbeitsfreien Wochenenden unternahm man dann zu Mehreren größere und längere Ausflüge: "Wir haben einige Städtetouren gemacht - zum Beispiel nach Boston, Washington D.C., Philadelphia und New York. In New York haben wir sogar eine Fahrradtour gemacht". Camphill einerseits, Sightseeing andererseits - Eindrücke, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.
Inga wollte "Erfahrungen machen". Ihr Fazit: "Es war sehr lustig aber eben auch anstrengend - teilweise nervten die Marotten der Behinderten auch. Es ist halt immer etwas Besonderes mit behinderten Menschen zu arbeiten. Nichtsdestotrotz war es ein schönes Gefordertsein", an das sie sich gerne erinnert. Dass Inga zurzeit Sonderpädagogik studiert, überrascht da wenig.
Von Katrin Rohe
