Meine Aufgabe war es gemeinsam mit einem Sozialpädagogen bzw. einer Sozialpädagogin die Freizeitgestaltung für die Bewohner zu organisieren und gemeinsam mit weiteren ehrenamtlichen Helfern durchzuführen. Wir konnten ein abwechslungsreiches Programm anbieten, indem wir auf der einen Seite Ausflüge ans Meer, Picknicks etc. organisierten und auf der anderen Seite am kulturellen Leben der Stadt, an Ausstellungen, Kino-, Theatervorstellungen und an Stadtfesten teilnahmen.
Auf der anderen Seite führte dies auch zu Abgrenzungsschwierigkeiten sowie zu einer Art Routine und Selbstverständlichkeit auch während der Arbeitszeiten.
Die behinderten Menschen wurden so Tag für Tag in die Stadtgemeinschaft integriert und es ließ sich auch eine erhöhte soziale Aufmerksamkeit der nicht behinderten Menschen, denen wir begegneten feststellen. So führte unser Auftreten zum einen zu Fragen und einer Konfrontation der Bürger mit dem Thema Behinderung, zum anderen gewonnen die behinderten Menschen aber auch an Akzeptanz.
Was allerdings auffällig war ist, dass Kultur auch bei diesen Menschen vor Ort, z.B. in einer Ausstellung großes Interesse wecken konnte und die Kulturvermittlung oft einfacher war, als das eigentliche “Überreden” zum Verlassen der Wohnstätte, des bekannten Ortes. Die Behinderten empfanden es als wohltuend, von der ständigen Beschäftigung mit sich selbst und ihrer Krankheit, provoziert durch den ständigen Vergleich zwischen sich und anderen Behinderten sowie gesunden Menschen, wegzukommen und sich mit etwas komplett anderem zu beschäftigen.
Oft war dies einfacher in einer kulturellen Einrichtung als z.B. in einem Park beim Spiel mit Boje-Kugeln. In der Ausstellung konnten sie sich faszinieren lassen und sich in einem Kunstwerk verlieren, in Parks hingegen gab es Situationen, in denen sie sich, z.B. beim Beobachten des Spieles der Kinder oder bei der Feststellung, dass sie nicht die Kraft besitzen die Kugeln zu werfen, wieder an ihre Behinderung und an ihr nicht familiäres Leben erinnert wurden.
Allerdings bedurften die meisten auch in Ausstellungen einer starken Leitung. Mit meinen eigenen Gedanken und Fragen zu Kunstwerken konnte ich sie an Bilder heranführen und Gespräche, Überlegungen und Erklärungen anregen. Durch die Kenntnis der Interessen der Menschen, die ich begleitete, konnte ich sie auf ein Merkmal im Bild aufmerksam machen und so mit ihnen über Kunst ins Gespräch kommen.
Wenn die Führung von einer fremden, professionellen Person übernommen wurde, führte dies oft zu einem besseren Verständnis über z.B. die geschichtlichen Hintergründe der Werke. Allerdings fühlten sich die Behinderten auch oft ungerecht behandelt, da man ihnen nicht das Verständnis eines „normalen“ Menschen zutraute. Diese Führung ähnelten oft Kinderführungen und wurden von einigen Behinderten kritisch betrachtet, wieder andere fanden sie gerade deswegen sehr anschaulich und freuten sich über den Kontakt zu der/dem Führer/in.
Immer haben wir uns willkommen geheißen gefühlt in den Ausstellungen die wir besuchten. Das lag oft vor allem an dem Museumspersonal, welches uns wieder erkannte und uns begrüßte. Gekränkt und enttäuscht waren die Rollstuhlfahrer jedes mal, wenn uns der Eintritt aufgrund fehlender Rampen verhindert war.
Behinderte Menschen auf der einen Seite zu fordern, aber nicht zu überfordern ist wichtig, vor allem um nicht deren ohnehin schon oft schwankendes Selbstwertgefühl negativ zu beeinflussen. Dies machte sich unter anderem in einigen Theaterbesuchen deutlich. Die Behinderten waren nicht in der Lage dem Stück in der Schnelle zu folgen und wir Begleiter hatten nicht die Möglichkeit, wie bei einem Ausstellungsbesuch, unseren Besuch zu unterbrechen und so für etwas Erholung zu sorgen. Die behinderten Theaterbesucher waren hinterher missgelaunt und auch schon während des Stückes verhielten sie sich nicht angemessen.
Angeregt von der Arbeit mit behinderten Menschen im kulturellen Bereich entschloss ich mich zur eigenständigen Durchführung eines von mir entwickelten Fotoprojektes. Das Projekt mit dem Titel „Desconegut món conegut“ (Unbekannte bekannte Welt) fand vom 1.02.2005 bis 31.07.2005 in dem zur Fundació MIFAS gehörenden Wohnheim statt.
Motiviert und ermutigt von den Behinderten selbst, bildete sich bei mir der Wunsch aus, sie nicht nur mit der Kunst anderer vertraut zu machen, sondern sie dabei zu unterstützen, selbst Kunst zu produzieren. So wollte ich noch mehr von ihnen lernen und durch eine Ausstellung auch andere außen stehende Menschen zu der Erfahrung führen, einen Einblick in das Leben, die Sicht- und Denkweisen behinderter Menschen zu gewinnen. Hauptsächlich ging es jedoch natürlich um die Arbeit für und mit den behinderten Menschen. Mir war aufgefallen, dass es außerhalb von MIFAS nicht viele Angebote gab an denen sie hätten teilnehmen können. Was sollen also die behinderten Menschen mit künstlerischem Interesse und Potenzial tun, die eine gewissen Hilfe benötigen? Sie haben oft noch nicht einmal die Möglichkeit herauszufinden, ob sie über dieses Interesse oder Potenzial verfügen. So schlug ich der europäischen Union sowie MIFAS das Fotoprojekt “Desconegut món conegut” vor.
Die meisten Teilnehmer des Kurses konnten sich für die Fotografie begeistern, auch weil sie merkten, dass ihnen hier etwas zugetraut wird, ich ihnen meine Kamera anvertraue und Geld für Material ausgegeben wurde. Allerdings waren auch Teilnehmer zu beobachten, denen das Feststellen, dass sie z.B. eine Kamera nicht halten können so stark zu schaffen machte, dass ihnen hierdurch erneut das Ausmaß ihrer Behinderung bewusst zu werden schien.
Es gab Teilnehmer, die sich ihrer Themen und ihrer Motive schon sehr sicher waren. Andere Teilnehmer wurden spontan auf Situationen aufmerksam und fotografierten diese. Die größte Gruppe musste ich allerdings erst “warm machen” mit dieser Art der Beschäftigung. Eine gute Vorgehensweise war, wie schon in den Ausstellungen erprobt, mit den Behinderten über ihre Interessen ins Gespräch zu kommen um sie dann langsam auf passende Motive aufmerksam zu machen, bis sie sich in das Fotografieren hineingefunden hatten. Manchmal bot sich auch der Besuch eines Marktes, eines Festes etc. an oder die Vorgabe eines Themas.
Meistens musste ich den behinderten Menschen beim Fotografieren behilflich sein. Oft gab es hier das Problem der Eingeschränktheit der Beweglichkeit der Arme bzw. der Finger, wodurch es schwierig wurde, die Kamera zu halten oder den Auslöser zu bedienen. Dadurch verwackelten die Bilder häufig.
Durch die weiterführende Beschäftigung mit den Interessen der Teilnehmer entwickelten sich häufig neue Sichtweisen und Perspektiven die wir, erst wörtlich und dann in Form eines Bildes, versuchten auszudrücken. Hierdurch erweiterten sich die Themen über die, auch nach Beendigung des Kurses, gesprochen wurde enorm.
Bei den Menschen, die an dem Projekt bis zum Schluss teilnahmen, war ein gewisser Stolz und eine größere Selbstsicherheit erkennbar. Hier mussten sie sich wirklich mit ihren Stärken und Schwächen auseinandersetzen, mussten sich begeistern und ertragen können. Am Ende jedoch hatten wir uns alle etwas besser kennen gelernt.
Eine Besonderheit der Ausstellung mit behinderten Menschen war, dass sie sich selbst präsentierten, also nicht von fremden Fotografen präsentiert und interpretiert wurden. Dies wurde häufig betont und gelobt, und zeigt auch, dass sich behinderte Menschen auf diesen Bildern meist fehl interpretiert fühlen. Oft werden sie hier auf ihre Schwächen und Probleme oder eben auf ihren Lebensmut und ihre Kraft beschränkt. Dass sich aber diese Menschen auch mit ganz alltäglichen Dingen beschäftigen und dass es auch hier gilt, keinen Unterschied zu machen zwischen gesunden und behinderten Menschen, wird oft vernachlässigt.
Von Julia Illmer
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