Erfahrungsbericht Freiwilliges Soziales Jahr in Ecuador
Carolin leistete ihr Freiwilliges Soziales Jahr in einem Frauenhaus in Ecuador ab. Mitten aus ihren Erfahrungen erzählen die folgenden lebendigen Ausschnitte aus ihren Berichten über die Arbeit, Weihnachten und den Fahrstil der Ecuadorianer.Erlebnisse im Projekt
Ein Tag voller Emotionen war der letzte Montag, 07.01.2008. An diesem Tag erfuhr ich, dass unser Nachbar seine Frau schlägt. Das schockt mich deshalb so, weil wir Freiwilligen mit diesem Mann eigentlich befreundet sind (bzw. waren). Ich hätte nie von ihm gedacht, dass er seine Frau schlägt. Ein Mann, der studiert hat und der den Eindruck macht, anders zu denken und so intelligent zu sein, dass er so ein Verhalten verabscheut. Dann erzählt mir auch noch der Wachpolizist unserer Herberge, dass es bei dem Nachbarn auf der anderen Seite auch nicht anders ist: was hier alles hinter geschlossenen Türen in den Häusern passiert, ist unvorstellbar.Dann klingelte am Nachmittag das Telefon, es war eine Nachbarin einer Arbeitskollegin von mir dran. Danach herrschte völlige Aufregung, denn der älteste Sohn meiner Kollegin war dabei, seinen kleinen Bruder zusammen zu prügeln. Unser Polizist und die Psychologinnen sind sofort zu dem Haus gefahren und konnten Schlimmeres verhindern. Dann kam noch eine neue Frau bei uns an.
Es sind in der Zeit, in der ich hier arbeite, schon einige Frauen angekommen, aber ich habe noch nie eine Frau in solch einem Zustand gesehen. Sie saß im Innenhof, völlig aufgelöst und wie unter Schock. Ich habe mich zu ihr gesetzt und sie fing an zu erzählen. Es war das erste Mal, dass eine Frau so aufgeschlossen war und ihre Geschichte mit so vielen Details erzählte. Die Frau ist 27, geistig zurückgeblieben und hat einen vierjährigen Sohn. Ihr Ehemann hat sie jahrelang verprügelt und misshandelt.
Sie sagte mir so oft „Mein Mann hat gesagt ich bin hässlich, mein Mann hat gesagt ich bin das schlechteste Wesen auf der Erde, mein Mann hat gesagt, er hat gesagt...“ Sie glaubt das. Sie glaubt, dass er Recht hat. Jetzt hat ihr Mann hat den Sohn aus dem Kindergarten entführt und ist mit ihm zu seinen Eltern, da auch die Großeltern das Kind von der Mutter fernhalten wollen, da sie der Meinung sind man, könne das Kind nicht bei dieser geisteskranken Frau aufwachsen lassen. Sie wollte ihr Kind zurück, sie hatte so panische Angst, dass sie das Kind schlecht behandeln oder ihm irgendetwas antun. Während diesem Gespräch wirbelten alle möglichen Gedanken durch meinen Kopf und ich kann meine Gefühle gar nicht richtig in Worte fassen.
Es waren zum einen Wut, schreckliche Wut auf diesen Mann, der so etwas tun konnte. Hass, dass er sie so abhängig von sich gemacht hatte und Wut über das, was er gerade tat, nämlich ihr das Kind wegzunehmen. Dazu mischte sich Mitleid. Mitleid für die Frau die mir gegenüber saß. Eine Frau, ausgemergelt, kraft- und mutlos, die in den 27 Jahren ihres Lebens wahrscheinlich nicht viele glückliche Momente erlebt hat. Ich kniete vor ihr nieder, nahm sie in den Arm und versuchte, ihr Mut zu machen. Ich sagte ihr, dass wir hier alle im Haus für sie da sind, um ihr zu helfen. Sie beruhigte sich nach einer Weile und als ich sie auf ihr Zimmer brachte wo sie sich ins Bett legte um sich auszuruhen drehte ich mich an der Tür noch einmal um und sie schenkte mir ein Lächeln.
Es sind Schicksale, Geschichten und Situationen, die ich manchmal zuerst nicht verstehen kann. Hier passieren Dinge, von denen ich einfach nie gedacht hätte, dass so etwas möglich ist. Und das Schlimmste: trotz all der Dinge, die ihre Männer den Frauen antun, wollen sie sie nicht verlassen. Aus Angst vor Verfolgung, weil er meist das Geld nach Hause bringt, wegen gesellschaftlichen Drucks, es sei nicht üblich für eine Frau, allein zu sein usw.
Weihnachten
Weihnachten hab ich in Quito bei einer Familie eines Freundes verbracht. So ein richtiges Weihnachtsfest auf traditionelle ecuadorianische Weise! Die ganze Familie von ihm war da, wir waren also 25 Leute, mit Tanten, Onkels, Cousinen. Der Trubel, der dadurch entstand, war für mich ganz gut, denn in der Zeit um Weihnachten hab ich selbst meine eigene Familie ziemlich vermisst. Es war ein komisches Gefühl – mein erstes Weihnachten ohne meine Eltern, aber irgendwie doch in einer Familie.Erst um 23 Uhr ging es in die Kirche. Ich war etwas überrascht, denn der Gottesdienst glich eher einem Volksfest, aber nicht einer Messe. Es liefen Leute umher, viele unterhielten sich mit ihrem Nachbarn, Kinder schrien. Es war nicht die Andacht während des Gottesdienstes, wie ich sie aus Deutschland kannte. Nach der Kirche gab es das große Weihnachtsessen oder eher Mitternachtsmahl: Truthahn, Schwein, Hähnchen, Motte, Mais, Gemüse und was natürlich nicht fehlen durfte: Reis!
Es war wirklich lecker und ich machte der Mutter Komplimente über ihre Kochkünste, was sie so verstand, dass ich noch mehr haben will und ehe ich etwas sagen konnte, weil ich den Mund voll hatte, hatte ich auch gleich nochmal eine neue Portion auf meinem Teller. Da ich nicht unhöflich sein wollte, aß ich meinen Teller brav auf, konnte mich nach dem Essen allerdings fast nicht mehr bewegen, fühlte mich aber glücklich und zufrieden. Ich kam mir als Ausländerin ab und zu wie eine Attraktion vor.
Auch beim anschließenden gemütlichen Beisammensein wurde ich mit Fragen über Deutschland gelöchert, da für einige Familienmitglieder Deutschland wie ein anderer Planet zu sein schien, denn viele der Familie hatten Ecuador noch nie verlassen und kannten nicht mal alles in ihrem eigenen Land und dann kommt jemand aus Deutschland, mit heller Haut und helleren Haaren.
Alltägliches aus meiner Stadt
Die Stadt Cuenca, in der ich lebe, fasziniert mich völlig, auch weil es für mich ganz neu ist in so einer Großstadt mit 300.000 Menschen zu wohnen . Die vielen Kirchen hier sind einfach wunderschön und auch die sonstigen kolonialen Gebäude.Das Besondere ist einfach, durch die Straßen zu gehen und immer wieder die traumhafte Aussicht auf die umliegenden Anden zu haben. Die Stadt selbst liegt auf 2500 Meter Höhe! Der schöne Anblick brachte mich aber schon einige Male in Gefahr, da ich deswegen nicht auf den Verkehr geachtet habe,was in Cuenca schlimme Folgen haben kann. Es gibt es hier nämlich keine Geschwindigkeitsbegrenzung, was die Cuencaner gerne ausnutzen und mit wahnsinnigem Tempo durch die Straßen rasen. Rücksicht auf Fußgänger nimmt sowieso keiner. Würde ein Ecuadorianer in Deutschland so fahren, hätte er wohl innerhalb weniger Stunden seinen Führerschein los und ein volles Punktekonte in Flensburg. Außerdem kann man hier in jedem Zustand fahren, auch wenn man schon 5 Becher Zhumir (ein Schnaps der hier in Cuenca hergestellt wird und auf den die Cuencaner mächtig stolz sind) getrunken hat, denn der Polizei scheint das hier egal zu sein.
Außerdem wird prinzipiell immer gehupt, auch grundlos. Egal ob man an einer roten Ampel steht und es sowieso nicht weitergeht oder ob man um eine Kurve fährt. Hier in Cuenca kann man wegen allem hupen, ob es sich lohnt oder nicht. Man gewöhnt sich aber an den Geräuschpegel, der dadurch entsteht.
Es gibt auch positive Dinge am Verkehr wie beispielsweise das Bussystem. Es gibt etliche Buslinien und man kann in jeden Bus ein- und aussteigen wann man will. Man stellt sich einfach an den Straßenrand, wartet bis die gewünschte Linie kommt, streckt den Arm raus und der Bus hält. Man wartet höchstens 5 Minuten, da ständig Busse verkehren. Das ganze kostet lächerliche 25 Centavos, egal wie weit man fährt. Meine erste Busfahrt hier in Cuenca war ziemlich aufregend. Die Busse heizen wirklich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und bremsen sehr abrupt, da plötzlich jemand am Straßenrand steht und mit der Hand winkt. Hier ist es aber auch möglich, dass der Busfahrer an einem Kiosk einfach anhält und sich etwas zu essen kauft. Der Bus hält dann eben für 5 Minuten.
Mit der Zeit haben es die Ecuadorianer auch nicht so. Ich dachte die Unpünktlichkeit sei vielleicht nur ein Vorurteil , aber ich habe nun schon einige Mal festgestellt, dass es wirklich berechtigt ist. Trifft man sich mit Leuten und macht eine Uhrzeit aus, reicht es, eine halbe Stunde später zu kommen und selbst dann ist man noch zu früh. Die Leute hier lassen sich bei allem Zeit und sind locker drauf und sehen eine halbe Stunde Verspätung als nicht der Rede wert an. Ich hoffe, ich gewöhne mir diese Eigenschaft nicht allzu sehr an.
Ansonsten sind die Leute hier wirklich offen und freundlich. Die männlichen Ecuadorianer sind mir teilweise fast schon zu freundlich. Gepfiffen und gehupt wird sowieso immer, wenn einen beim Weggehen nachts jemand anspricht, sind die Fragen meistens: „Hast du einen Freund, hast du ein Handy?“ Als Europäerin ist man eben doch noch was anders hier.
