Yvonne, 20, hat ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer argentinischen Kleinstadt verbracht, die von deutschen Emigranten gegründet wurde und noch viele Traditionen bewahrt, welche - wie in den folgenden Auszügen deutlich wird - zum teil sehr skurril zu Tage treten. Während Yvonne in einem Kinderheim arbeitete, konnte sie tief in das örtliche Leben eintauchen.
In Merlo war ich also drei Tage und habe mir zwei Chorabende angekuckt. Es traten fünf Chöre jeweils etwa für eine Viertelstunde auf. Der erste Abend war grauenhaft. Eine seltsame Mischung - langweilig, schief und selbstbewusst. Der zweite Abend war dafür um so besser und der letzte Sänger war so beeindruckend, dass ich fast geweint habe. Den ganzen Abend habe ich gestrahlt, so berührend war der Auftritt.
An einem dieser Tage sind wir auf einen der schönen Berge gefahren, auf dem es so eine Art Seilbahn wie auf dem Spielplatz gab, nur mit Sicherung und einer Schlucht drunter. Da sind Patricia und ich gleich mal eingestiegen. Bei der Befestigung habe ich mir gewünscht, dass es doch hoffentlich deutsche Vorschriften gäb, aber da saß ich schon drin. Ich habe es überlebt und es war eine nette Erfahrung. Eine andere Gruppe in unserer Nähe wurde von einem Fernsehteam gefilmt, das natürlich schnell auf eine nichts verstehende und dauernd nachfragende Person aufmerksam wurde. So schnappten sie mich für ein kurzes Interview und ich habe mich mit meinem Spanisch abgemüht. Und irgendwie hat es ganz gut geklappt.
Patricia und Rulan bringen mir das Stricken bei, da sie das in der Schule gerade machen, um armen Kindern Decken aus quadratförmigen zusammengenähten Stoffteilen zu schicken. Ich bin jetzt an meinem ersten Quadrat (handflächengroß) und musste schon zwei Mal von vorne anfangen. Jeden Tag stricke ich zwei neue Reihen. Bin mal gespannt, ob sich der Traum von einem selbstgestrickten Pullover irgendwann erfüllt. Im Moment zweifle ich daran. Und wenn doch, dann wird er im Hochsommer fertig.
Zum Volkstanz bin ich von Francisco, einem Freund, mitgenommen worden und bin, als die Musik losging, beinahe schreiend vor lachen rausgerannt. Klischee pur, deutscher geht es nicht. "Heimatland,wie schön bist du!" Das Kuriose: den Argentiniern (Francisco eingeschlossen) gefällt die Musik total gut. Bei mir zuhause haben wir Jugendlichen früher des Tanzens willen die Musik ertragen und hier spornt die musik umgekehrt alle zum Tanzen an. Immerhin habe ich tatsächlich Schritte aus unseren Tänzen wiederentdeckt und ich muss zugeben, dass sie hier anspruchsvoller und wesentlich schneller sind. Nach dem fünften Mal zuschauen hab ich dann mal spontan mitgemacht. Es war gar nicht so einfach, aber ich hab es mit meinem Partner irgendwie hinbekommen. Schade, dass ich die Kurzanweisungen wie "Drehung", "Sprung" oder "Kreis" auf Spanisch überhaupt nicht verstanden habe. Trotzdem kam dann die Frage auf, ob ich nächste Woche nicht auf dem Oktoberfest auftreten will, obwohl ich natürlich noch viel Übung bräuchte. Doch da habe ich noch die kurve gekriegt und gesagt, ich wolle mir den Umzug doch lieber ansehen.
Vom 5. bis 15. Oktober, also an zwei Wochenenden und der Woche dazwischen, wird hier im Ort das Oktoberfest gefeiert. In Argentinien wird das Bild von Deutschland oft von Bayern und insbesondere dem Oktoberfest repräsentiert, warum weiß ich nicht. Auf jeden Fall kamen an nur einem Wochenende 70 000 Besucher, wobei das Örtchen nur 7000 Einwohner hat Das war Wahnsinn. Es gibt einen Park, der extra nach dem Oktoberfest benannt ist und vielleicht die Größe eines Fußballplatzes hat, eine große Bühne, Plastikstühle und im Kreis ca. 20 Bier- und zehn Essensstände (Spätzle, Schwarzwälder Kirschtorte usw.). Am Wochenenede sind die Eingänge schwer bewacht und der Eintritt kostet zwischen zehn und 20 Pesos (zwei bis fünf Euro, bei uns nicht viel, hier aber schon) und es gibt etliche Souvenir-Läden mit deutschen Fahnen, Hüten, Kalendern. Um ein Bier zu bestellen, muss man sich vorher ein Glas kaufen, das man die ganze Woche mit sich herumschleppt oder man muss sich immer ein neues kaufen. Die Gläser tragen die Flaggen der deutschen Bundeslaender oder den Reichsadler. Natürlich habe ich mir ein Saarlandglas gekauft.
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